Unsere Kursfahrt nach Wien war ein großer Erfolg für die Menschheit! In der Vorhalle des Braunschweiger Hauptbahnhofes, vor der großen Videowand, direkt neben dem Informationsstand, gar nicht weit von einem Fastfoodrestaurant namens Burger King, versammelte sich eine illustre und kulturell vielseitige Schar weniger Styler und vieler Blender um einen Kulturausflug in die Weltmetropole Wien in Österreich, nahe Ungarn, süd-östlich Deutschlands, etwas abseits vom Nordpool und doch näher am Äquator als man denkt, zu unternehmen.
Durch eine langgezogene Unterführung gelangten wir schwitzend und keuchend über eine ca. 30-stüfige Treppe auf einen dreckigen, von Obdachlosen übersäten und doch extra für diesen Zweck konzipierten und ganz hübschen Bahnsteig. Es war luftig. Schon jetzt konnten wir den Duft der Ferne und der Freiheit riechen! Es stank förmlich danach!
Der schnöde Interregio mit bestimmt, so ungefähr 10000 PS und einer Lock fuhr dampfend ein und nahm uns in seinen großen Bauch auf. Wir saßen sozusagen im oberen Bereich des Magens, nahe des Dünndarms, aber weit entfernt vom Hirn.
In der Expostadt Hannover, Niedersachsen, Deutschland, Europa, Erde, Milchstraße, Universum, stiegen wir aus und tranken einen Becher Instandkaffee, wahrscheinlich von Eduscho und serviert aus einem Automaten, der auf dem Bahnsteig installiert war, wahrscheinlich von einem Kaffeeautomateninstallateur, der wahrscheinlich von der Deutschen Bahn für diesen Zeitvertreib entlohnt worden war.
Nachdem wir verifiziert hatten, dass der zu erwartende Europaexpress den Bahnsteig sicheren Fußes erreicht hatte, um uns in Folge dessen auf seinem Rücken nach Wien zu tragen, stiegen wir ein.
Es war schön. Leider duftete unser Abteil ein wenig nach Pissoir. Doch durch etwas Alkohol und selbstgestalteter Musik konnten wir diese Einschränkungen leicht kompensieren.
Der Kurs fuhr. Die Mädchen schliefen. Die Jungen soffen. Herr S. benutzte seine Abendlektüre als Gemach. Der Rest der Fahrt versank in einem seichten Küstennebel, obwohl wir uns ja von der Küste entfernten.
Etwas gerädert und ausgezehrt, doch auch etwas beglückt, erwarteten wir am nächsten morgen den Einzug in die gefürchtete Festung der Habsburger Dynastie, nebst seinen Kronjuwelen, die, wie sich später herausstellte, selbst auf Urlaub waren.
Schwuppdiwupp ging’s raus aus dem Zug und rein in’s Vergnügen. An dieser Stelle sei anzumerken, dass die GeldwechslerInnen am Wiener Hauptbahnhof – WHBf – nicht nett sind. Gut, weiter im Text.
Wir schulterten unsere Täschchen, Reisekoffer, Hutschachteln und Kulturbeutel, sowie Rucksäcke, aber allen voran Herr S. selbst und begannen unsere lange Wanderung gen Zieglergasse [`tzieklagosse], in der unsere Wahlheimat für die nun folgenden ungefähr, grob geschätzt 6-7 Tage lag. War gar nicht so schlecht. Dusche gab’s, Nachschlag nicht, aber Sonne und Rauchmelder, nebst hochmodernen Schlüsselsystemen und `ner Menge Efeu. Kein Gras. Erst nach nächtelanger Suche fanden wir einen billigen Abklatsch, den uns zwei lockere Dirndltragende Münchnerinnen auf einem sogenannten Punkertreff überreichten.
Das kulturelle Angebot ließ nicht zu Wünschen übrig. Da war ne Gruft, ein Zoo, einige Schlösser, ein großer Rummel mit so ’nem Rad zum drin sitzen, Kirchen, Stufen, Diskos, Mausefallen und viele Wiener, ein Schwabe und ein Jugoslawe mit Knüppel und Nokia 7110 im Golf eins ohne Gras.
Die Mädchen waren schoppen und schlafen, die Jungen tranken Sangria und Bier und hörten Tote Hosen mit Wilfried S. an der Guitarre.
Doch wir hatten ein volles Programm und Herr S. hatte täglich eine Überraschung für seine Kinder auf Lager. Das war toll. Fanden aber nicht alle immer gut. Wir schon.
Wenn wir mal nicht bei Herrn Hundertwasser im Haus waren oder Sommerresidenzen begutachteten, verdienten wir uns in der Fußgängerzone durch Minnegesang und einen fröhlichen Reigen ein kleines Handgeld. Spitze.
Es war eine wunderschöne Zeit. Achja, da war ja noch der Rückweg! Als der ICE, der uns den Rückweg erleichtern sollte, den Wiener Bahnhof mit lautem Getöse verließ, fiel Herr S. aus dem Fenster, man hörte drei Schüsse und